Montag.
Ich bin mir nicht sicher, woran es liegt, aber ich halte mich wacker
Ich denke nicht die ganze Zeit an Svenja, ich blicke nicht alle fünf Minuten auf mein Handy, wartend, dass da eine SMS auftauchen könnte oder ein Anruf.
Mars hat eine ganze Reihe an Freunden eingeladen und wir sitzen seit 13 Uhr zusammen bei uns in der Wohnküche, spielen Bohnanza und Kniffel anderen Kram.
Es wird viel genascht, geraucht und gegen sechszehn Uhr ist die erste Flasche Bier geöffnet.
Ich bin heilfroh über die ganze Ablenkung und versuche diese Tatsache zu verbergen, während die anderen schon die dritte Mahlzeit einnehmen.
Plötzlich mustert Anja mich kritisch.
„Sag mal, Torben, du isst heute gar nichts?“
„Wie?“
„Na. Was ist denn an der Frage so schwer zu verstehen?“
„Ich weiß nicht, hab ich heute noch nichts gegessen?“
„Nein.“
„Hast du etwa mitgeschrieben?“
„Ja.“ Ganz schön frech.
„Dann sollte ich doch eher dich fragen, wieso du so an meinem Essverhalten interessiert bist.“
„Lenk nicht ab!“
Es wird ein bisschen lästig, ich habe keine Ahnung, wieso mir nicht nach Essen ist, es ist mir auch zu dumm, darüber nachzudenken, geschweige denn, mit ihr darüber zu diskutieren.
Wiederwillig nehme ich eine Schüssel aus dem Schrank, kippe Choco Pops hinein, krame kalte Milch aus dem Kühlschrank, gieße sie laut und demonstrativ darüber, wasche mir einen Löffel ab, setze mich an den Tisch und schmatze Anja an.
„Zufrieden?“
Sie nickt zuerst aber dann befällt es sie doch und sie beginnt, heftig mit dem Kopf zu schütteln, als könne sie so den Schwachsinn aus mir austreiben.
„Sag mal, schmeckt es?“, faucht sie schließlich.
„Natürlich! Du hast mich ja quasi vor dem Hungertod gerettet!“
„Man hört es!“
„Natürlich hört man es, sonst würdest du später wieder behaupten, ich hätte gar nicht… ne?“
„Kindskopf!“
„Mutterkomplexerin!“
„Jetzt hört aber mal auf“, fahren uns die anderen in die Flanke und ich lache los, weil es ein absolut absurdes Bild sein muss, wie wir so dasitzen, spielen, uns streiten und ich schmatzend Kindercerealien in mich hineinstopfe.
Wir gehen dazu über, Siedler zu spielen und eigentlich will ich mich schon verabschieden, da Siedler ein so ödes und langwieriges Spiel ist, bei dem im Grunde nach der Feldverteilung klar ist, wer gewinnen wird. Doch wie der Zufall es will, klingelt es an der Tür, noch ehe ich meinen Austritt aus dem Spieleabend bekanntgeben kann und es treten zwei hübsche junge Damen in die Küche, die sich als Anjas Freundinnen vorstellen.
Kurzerhand befällt mich ich doch die Lust, weiterzuspielen.
Die eine von ihnen heißt Helen, ist dreiundzwanzig und studiert Sport und Anglistik auf Lehramt. Helen ist klein, hat braunes Haare, einen frechen kleinen Zopf, wirklich schöne, grün-braune Augen und eine androgyne Figur mit kleinen Brüsten. Dazu trägt sie eine Brille. Sie hat sie ein hübsches Gesicht, es hat etwas Freches, vielleicht ist es auch die leichte Strenge in ihrem Blick, die mit der frechen Nase zusammen das Besondere ergibt. Schon als sie den Raum betrat bemerkte ich über ihre eng sitzende Jeans. Sie scheint etwas konservativ aber intelligent, eine fast schon großbürgerliche Verschlagenheit umgibt sie. Auch das hat seinen Reiz. Ich soll sie aber nicht näher kennenlernen.
Die andere Freundin heißt Martha. Martha ist fünfundzwanzig, etwa eins fünfundsiebzig groß, sie hat markantere Züge, eine längliche Nase, die ihrem Gesicht eine gewisse Weite verleiht, ihre Augen sind blassblau und sie hat einen sachten Bob mit Seitenscheitel, wodurch ihr Kopf wie gemalt auf ihrem langen Hals sitzt, der in ein üppiges Brustdelta mündet. Sie trägt ein rotes Shirt mit ovalem Kragen, der ihre Schultern freilässt, diese schlanken Schultern, die einen sinnlichen Kontrast bilden zu den schönen Brüsten, die das sonst leger fallende Shirt spannen lassen. Es fällt mir schwer, nicht andauernd hinzusehen. Ich erfahre, dass sie Romanistik im Master studiert, und dass die beiden Anja seit der Schulzeit kennen. Ich höre meine eigene Stimme, wie sie ihr Aussehen immer wieder von neuem beschreibt wie der Vertreter Verkaufssendung beim Homeshoppingkanal.
Wir alle haben wirklich schon ein, zwei Biere gezwitschert und auch die beiden Hübschen scheinen sich im Vorfeld mit dem einen oder anderen Schluck Wein versorgt zu haben. Sie sind redselig und kichern wie Schulmädchen. Es macht mich an.
Meine anfängliche Schüchternheit, die sich durch betretenes Schweigen und auf-das-Spielbrett-starren geäußert hat, verfliegt zunehmend und ich blicke immer mutiger zu Martha, ohne rot zu werden und lasse dabei verstohlen mein Auge über ihre Brüste springen. Sie bemerkt das und lässt es passieren.
„Und was machst du so, Torben?“, fragt sie irgendwann.
„Ich spiele Siedler.“
Ein dummer Spruch, von dem ich selber nicht weiß, aus welcher Ecke meines Gehirns er getropft ist und was ich damit zu missverstehen geben wollte.
„Ey, dann haben wir ja schon mal was gemeinsam“, sagt sie darauf hin und belässt es nicht bei meinem Trotz.
„Nein, im Ernst, ich studiere Medienwissenschaften.“
„Ah, ok. Ja, ich dachte mir das schon, das passt so ein bisschen zu dir…“
„…Aha?“
„Ja, du bist so ein flippiger Typ.“
Flippiger Typ. Darauf wäre ich nicht gekommen. Schon gar nicht darauf, dass sie in mir einen flippigen Typen sieht.
„Was heißt das genau… flippiger Typ?“
„Na so ein bisschen cool, nicht so überzogen, aber ich man hat das Gefühl, du bist eher locker und witzig.“
„Ah, ok.“
Ist das ein Kompliment? Ich tue mich schwer damit, aus solchen Aussagen Werturteile herauszulesen, vielleicht bin ich auch unsicher oder irgendwas? Oder liegt es am Bier? Was will sie mir sagen? Will sie mir etwas sagen? Will ich, dass sie mir etwas damit sagen will?
Jetzt stecken wir schon so schnell fest. Das wäre mir mit Svenja nicht... Svenja! Da fällt sie mir wieder ein und ich bin noch immer erleichtert, dass ich meinen Kopf von ihr frei halten kann. Immerhin hat sie sich auch noch nicht gemeldet bei mir gemeldet.
Martha beschließt inzwischen, dass sie auf die Toilette müsse. Sie steht auf und dreht sich und mir fällt auf, dass sie wie Helen einen schönen runden Hintern hat, der auf einem weiblichen Becken unterhalb von schmalen Hüften eine sehr weibliche Passform gibt. Mir läuft das Wasser sekundenlang im Munde zusammen, doch ehe jemand merkt, wie ich ihr auf den Po starre, wende ich mich wieder dem Spiel zu.
Es läuft es gut für mich und als ich die dritte Fuhre Erz hintereinander einfahre, kommt sie zurück und greift beim Hinsetzen kurz an meine Schulter. Ich drehe mich und sie lächelt.
Ich sehe ihr in die Augen und ein kleines Tilt erklingt.
Was passiert denn hier? Die Dinge könnten gerade aus dem Ruder laufen, ich sollte mir genau überlegen, wie es jetzt weitergeht, doch ich habe keine Chance, sie nimmt sofort das Gespräch auf und fragt mich, ob ich denn auch einen Witz erzählen könnte, wenn ich beim Spielen schon so viele witzige Sprüche reiße.
Ich möchte sie lieber auf eine harte Probe stellen, einen Witz nehmen, der gerade bei Mädchen oft nicht gut ankommt. Eine Art Abwehrmechanismus, um alle Eventualitäten auszuräumen.
„Was ist klein und rot und passt nicht durch enge Gänge?“
Sie zuckt mit den Schultern und starrt mich dabei fragend an.
„Ein Baby mit einen Speer im Kopf“
Sie haut auf den Tisch und fängt an, laut und dreckig zu lachen. Sie prustet förmlich.
Mist. Das findet sie witzig. Ein Pluspunkt für mich, ein Minuspunkt für ihre maskuline Lache.
„Mehr“, sagt sie.
Ich muss es anders probieren.
„Ein Hund und eine Kuh sitzen vor dem Fernseher, da kommt ein Schaf rein, läuft die Wand hoch, läuft die Wand wieder runter und verlässt den Raum. Da sagt das Hund ganz wütend zur Kuh Der hätte ja auch mal Hallo sagen können!.
Sie lacht wieder und fasst mich erneut an der Schulter.
Ich geb das Witzespiel auf und erzähle einfach noch drei weitere, über die sie sich komplett ausgießt.
„Mit dir wird es bestimmt nie langweilig“, sagt sie und sucht nach meinen Augen.
„Das mag schon sein, aber ich kann auch sehr langweilig werden.“
„Ach was…“
„Doch, doch, frag nur die anderen“, werfe ich in die Runde und hoffe auf Schützenhilfe, doch die anderen haben einen so fröhlichen Pegel erreicht, dass sie den mich in hohen Tönen loben.
Ich sehe sie mir genau an. Sie ist wirklich heiß, ich würde sie gerne küssen und mit ihr schlafen, einfach so, sie scheint wirklich nett zu sein, ein Mensch, den ich, wenn ich ihn richtig kennenlernte, sicher mögen lernen würde. Nur der Zeitpunkt ist nur so verdammt ungünstig. Und nach der Angelegenheit von Samstagnacht sind meine Fehlwürfe aufgebraucht. Ich muss mich besinnen.
Es kann ja nicht so sein, dass man immer alle Gelegenheiten gleichzeitig hat und danach wieder in eine Wüste aus Chancenlosigkeit gestoßen wird. Das erscheint mir als brüllend ungerecht. Ich sehe bereits vor mir, wie ich allen vor den Kopf stoßen werde und am Ende Svenja nur ein kurzes „Oh, das hab ich mir aber anders vorgestellt. Nämlich gar nicht“ in den Wind schreibt und ich den Worten hinterher gestoßen werde.
„Magst du mich mal so treffen?“, sagt Martha.
Ihre blauen Augen bohren.
„Es ist nicht so, dass ich nicht mögen würde, weißt du…“
„… Aber?“
„Aber, ich habe gerade erst ein Mädchen kennengelernt und ich sollte… ich möchte die Sache durchziehen. Ehm durchziehen, du versteht, was ich meine?“
„Ja“, seufzt sie, „war ja klar…“
„Nee ist nicht klar. Du bist echt hübsch und süß. Wir haben hier nur einen schlechten Zeitpunkt erwischt.“ Ich glaube, ich möchte jetzt sehen, wie sich das mit Svenja entwickelt.
„Naja, für dich ja nicht schlecht“ sagt sie, als bei mir die Spielwürfen fallen, ich eine Ereigniskarte ziehe, sehen mich alle und schreien laut
„Torben, du hast gewonnen! Der Wahnsinn. Du gewinnst doch sonst nie!“
„Glückwunsch“, sagt Martha und nickt mir nüchtern zu.
Ich habe mir lange Zeit gewünscht, mal in diesem Scheißspiel zu gewinnen. Bloß ein Mal, und nie hat es geklappt. Und jetzt. Jetzt passt es so gar nicht in meine Situation. So gar nicht in meinen Kran. Ich sehe Martha an. Ich denke an Svenja und eine Stimme in mir holt diesen Satz hervor, dieses eine Zitat.
Ich schüttle mich innerlich. „Nicht dieses eine Zitat“, denke ich.
Aber dann dröhnt es:
„Glück im Spiel, Pech in der Liebe.“
Sind wir nicht alle manchmal abergläubisch?
welch mysterioese ereigniskarte war das denn? (manchmal gibt es eben sogar bei siedler ueberraschungen)
AntwortenLöschenSoldaten für die Armee ;)
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