Dienstag, 13. Juli 2010

Tag 1/Tag 2: Noch ein Abend trennt mich davon, Svenja wieder zu sehen. Das sollte ich doch schaffen.

Ich habe letztens gelesen, dass man, wenn man glaubt, sich zu verlieben, nur seine Sehnsüchte auf andere projiziert. Dieser Nachmittag machte mich sehnsüchtig.
Ich gehe also Richtung Süden, nach Hause und als ich ankomme sind Mars und Anja in der Küche und rauchen. Ich versuche, unauffällig zu sein.

„Na du? Wo kommst du denn her?“
„Von draußen“, sage ich.
„Aha? Was ist dir denn passiert?“, fragt Anja sofort mit hoher, suggestiver Stimme.
„Mir? Ich habe eine kleine Katze gesehen, die einen Ball verfolgt hat. Die ganze Straße runter.“
„Achso.“, sagt sie, etwas enttäuscht. Die Ausrede mit der Katze ist plausibel genug, um mein Grinsen zu erklären, das ich nicht verstecken kann.
„Wir wollen morgen an den See. Und grillen. So um vierzehn Uhr?“
Ich überlege.

„Ah, nee, das geht nicht.“
„Nicht? Wieso nicht?“
„Ich treffe mich in der Stadt. Mit Lars. Ja, ehm, ich soll da so eine Hausarbeit mit ihm überfliegen.“
„Achso. Naja, dann haste wohl Pech gehabt.“
„Ja man, echt schade.“
Abends häng ich mich alleine vor den Rechner, werfe eine Platte von The Verve ein und schaue stundenlang alte Kinderserien auf YouTube.
Ich hatte gar nicht in Erinnerung, dass der Silversurfer so melancholisch war. Das macht ihn fast zu meinem neuen Lieblingsheld der Comciszene. Ich bin fasziniert von seiner zweifelhaften und alternativlosen Art, sich selbst zu erhalten, sein Volk, seine Liebe zu retten, indem er das Unheil, das über allem schwebt, immer wieder versucht so umzulenken, dass die Katastrophe ausbleibt.

Erinnert mich etwas an mich. Wie ich versuche, Dinge immer weiterzulenken, damit es im Leben weitergeht. Das Leben ist wie ein LKW, der ohne zu tanken einfach immer weiterfährt. Und wenn du zu lange schläfst, landest du im Graben.
Ich schlafe unruhig in dieser Nacht, stehe früh auf, bin etwas nervös, überlege, ob ich vielleicht nicht hingehen soll. „Wo soll das hinführen?“, sage ich vor mich hin, als ich mich rasiere,

Wenn wir soviel gemeinsam haben, dann wird es doch vielleicht langweilig, weil wir uns zu ähnlich sind. Vielleicht bin ich schon wieder zu aufgeregt, zu unnatürlich. Vielleicht will ich sie nur ins Bett kriegen und merke es nicht? Rastlos.
Meine Haare wollen nicht, wie ich will, stehen quer und schief. Ich wasche sie drei Mal und nach jedem Waschgang kommt es mir vor, als sie das Ergebnis noch weniger akzeptabler als davor. Ich setze mir meine Notfallmütze auf, das ist ja kein Kunstgriff, aber wenn sie mich nicht kennt, dann weiß sie auch nicht, dass ich die fast nie trage. Dass sie gar kein Teil von mir ist.

Kann man sich vor Fremden eigentlich komplett neu erfinden? Will man das überhaupt?
Als es halb drei wird, marschiere ich los, gehe schnell, etwas zu schnell, gerate leicht außer Atem und stehe dann dort, in der Gemüseabteilung. Fünf Minuten zu früh.
Ich kann doch nicht fünf Minuten in der Gemüseabteilung rumstehen, während alles an mir vorbei geht. Am Ende kommt noch ein Mitarbeiter und fragt mich, ob ich etwas vor habe.

Ich könnte zwar mit „Ja“ antworten, ihm vielleicht die Situation erklären, aber ich entscheide mich, dass es ihn auch gar nichts anginge. Fünf Minuten. Dann geh ich doch lieber noch einmal nachsehen, ob die Kokosmilch immer noch bei den Getränken eingeräumt ist. Ich würde sie eher zu den Asia-Koch-Ingredienzien stellen, vielleicht aber auch deswegen, weil ich sie nur benutze, wenn ich asiatisch koche.
Und tatsächlich, da steht sie, mitten zwischen dem Mangosaft und dem Kirschsaft. Eine Dose, hässlich rot, einen Euro, fünfzig Cent. Ganz schön teuer, zu teuer. Aber ich habe das auch nie mit anderen Märkten verglichen.
„Du solltest doch bei dem Gemüse stehen“, sagt eine Stimme neben mir.
Ich drehe mich. Sie ist es. Ich blicke auf mein Handy.

„Ja, aber du bist zu früh. Anderthab Minuten, genaugenommen, wir sagten um Drei beim Gemüsestand.“
„Naaaagut.“
Sie kneift mir in die Wange. Ich zucke.
„Und was machen wir jetzt Schönes?“
Wir gehen spazieren.
Sie zeigt mir ihre liebste Ecke in der Stadt. Sie ist außerhalb, eine Wiese mit Bäumen, die weit auseinanderstehen. Ohne Wasser in der Nähe. Lieblingsecken sind meist am Wasser oder an besonders sehenswerter Architektur.
„Wieso ist das hier deine Lieblingsstelle?“
„Weil es absolut keinen Sinn zu machen scheint, dass die Bäume soweit auseinander stehen. Schon fast menschlich.“
Das war sehr klug. Das sind die Momente, in denen mich Menschen tief beeindrucken. Wenn sie soetwas sagen. So einfach, so klar, so klug.
Ich fasse ihr an die Wange. Dann küsst sie mich.
Küssen kann schnell langweilig werden, wenn man nicht zueinander passt. Wenn da keine Linie ist, keine Zuneigung. Aber wie kann sie so schnell erzeugt werden?
Ich zähle nicht die Stunden.
„Das machst du öfter. Oder?“
„Was?“
„Männern deinen Hain zeigen“, ups… „also, mit den Bäumen?“
Sie richtet sich auf.
„Willst du jetzt die Stimmung zerstören?“
„Nein, nur eine Retourkutsche für gestern.“ Ich piekse ihr mit dem Zeigefinger in die Seite.
„Puh. Ich dachte schon.“
Dann steht sie auf.
„Du bist doch jetzt nicht etwa sauer? Oder? Das war doch nur ein Scherz?“
„Nein. Keine Sorge. Es ist echt schön mit dir. Aber ich muss jetzt nach Hause. Leider.“
„Vergiss deine Schuhe nicht, Cinderella. Sonst find ich dich.“
„Du findest mich doch bestimmt.“

Sie reicht mir die Hand, zieht. Ich stehe auf.
„So, dann werde ich auch mitgehen.“
„Bis zur großen Kreuzung.“
„Genau. Hm. Morgen ist Sonntag…“
„Ich weiß, darüber hab ich auch gerade nachgedacht.“
„Hmm. Und?“
„Da ist ein Gemüsestand, auf dem Wochenmarkt. So ein Biostand. Aber du musst früh aufstehen.“
„Was heißt früh?“
„Um neun solltest du dort sein.“
„Ah, ja gut. Ich mache mal eine Ausnahme. Weil du es bist.“
„Super.“

Auf dem Weg erzählt sie mir, dass sie bald nach Hamburg fährt, für eine Woche, eine Freundin, die dort studiert, würde sie dort wohnen lassen, weil sie ins Auslandssemester geht und die Zwischenmieterin erst später einzieht.
„Oh, das ist ja toll.“
„Magst du Hamburg?“
„Ja…“, sage ich, hoffe insgeheim, dass sie mich fragt.
„Schön…“, sagt sie und ich merke das Zögern. Sie wirkt in diesem Moment zerbrechlich, ein neuer Zug, den ich gerade erst entdecke. Und er verschwindet auch wieder.
„Naja, wenn es dir dort zu einsam wird, kannst du mich rufen, dann komm ich dich da besuchen.“
„Das ist ja lieb. Mal sehen. Wirklich.“
Dann trennen sich unsere Wege.
Es ist neun, halb zehn, als ich zuhause bin.
Mars, Anja und ein paar ihrer Freunde sind auch wieder da.
„War das Grillen gut?“
„Ja, danke man.“
„Und bei euch?“
„Ja, voll doof. Das mit Lars war nächste Woche. Dann saß ich alleine rum und bin spazieren gegangen.“
„Ohman, du Verpeiler. Dann hast du ja Glück, dass wir dir was mitgebracht haben.“
Bauchscheiben. Ich freue mich, ich bin etwas müde und habe den ganzen Tag nichts gegessen, wie mir gerade einfällt. Mein Kopf ist etwas schwer und voll mit Svenja.
Ich setze mich an den Tisch, beginne zu essen.
„Wir gehen nachher noch raus.“
„Kommst du mit?“
Raus. Hm. Ich sollte früh ins Bett. Ich muss ja um acht aufstehen.
„Hmmm.“
„Stell dich nicht so an. Wir haben extra Wodka und Saft gekauft.“
Es fällt mir schwer. Wenn ich an eine Frau denke, habe ich auch oft ein Motivationsproblem. In die Disco gehen heißt auch immer, zu checken, was so geht. Und wenn da wieder die ganzen Bauern von den Dörfern sind. Die Invasion der Barbaren.
Es kommt wieder stärker durch, meine Abneigung gegen einen Großteil der Bevölkerung. Vielleicht macht mich das Studium, diese Monokultur an Menschen um mich herum etwas garstig. Oft frage ich mich, ob das wirklich stimmt, dass es nur Minderwertigkeitskomplexe sind, die dazu führen, dass man andere nicht mag. Aber andersrum. Wenn Liebe keine Begründung braucht, wieso braucht es dann Hass? Hass ist es ja nicht mal, nur Abneigung. Keine Geringschätzung, eher der Wunsch, sich nicht zu berühren. Weil man sich nicht ergänzt. Es ist mühselig. Ich will es einfach nicht.

„Na gut, ich komme mit.“
„That's my boy“, sagt Anja und klopft mir auf die Schulter, während sie mir ein Glas Wodka mit Apfelsaft eingießt.
„Apfelsaft?“
„Ja, das ist ein polnischer Wodka. Probier erstmal.“
Es passt.
Es kommen noch mehr Freunde vorbei, der Abend wird red- und trinkseelig, als wir gegen ein Uhr das Haus verlassen, merke ich bereits, wie schwer es mir fällt, Sätze im ersten Anlauf zu formulieren.
Reflektionsmöglichkeiten: Null.

Die Nacht verschwimmt zwischen Menschen, Lichtern, Bier und Musik. Schlafe ein.
Versatzstückhafte Dias, Gesprächsbrocken, die ich zu speichern versuche. Es wird warm, gemütlich, meine Gesichtshaut schläft zuerst ein. Dann folge ich.
„Hallo. Wach auch. Hörst du mich?“
Zurück in der Gegenwart.
„Ja?“
„Du schnarchst. Du schnaharchst!“
„Svenja?“, frage ich.
„Svenja?“ Ihr Ton wird sofort schnippig.
Ich drehe mich zu ihr rum.
„Scheiße, wer bist du denn?“
„Hallo? Was ist denn das für eine Begrüßung?“
„Was ist 'Du schnarchst!' denn für ein Morgengruß?“
„Na, wenn du schnarchst?“
„Ich schnarche nicht. Ich schnarche nie. Das sagen alle…“
„Alle was?“
„Alle… alle die mich schon mal… äh… schlafend erlebt haben.“
„War ja wieder klar, dass du so einer bist…“
„Bin ich nicht…“
„Ach, das erzählst du doch bestimmt jeder…“
„Wer bist du überhaupt?“
„Das wusstest du gestern noch genau!“
„Gestern?“
Gestern. Ich versuche mich zu erinnern. Ich erinnere mich nur an Svenja und den schönen Nachmittag.
Wie kleine Papierkügelchen, die jemand mit einem Tintenkillerröllchen nach mir schießt, kommen einzelne Bilder zurück.
Anja und der Wodka. Wir alle in der Küche. Ich voll. Die Party, voll. Ein Uhr, drei Uhr. Das Herrenklo. Ich, wie ich ein Bier bestelle. Ich spule, vor. Ich spule zurück.
Dann irgendwann ihr Gesicht.
„Ach, wir haben uns kurz unterhalten.“
„Kurz? Drei Stunden…“
„Echt?“
„Ja…“
„Und du bist?“
„Ach, vergiss es, ey.“
„Und haben wir…“
„Da wirst du wohl selber drauf kommen müssen. Das wird mir hier zu blöd. Ich gehe.“
Sie steht auf, zieht sich an. Scheiße. Sie hat eine sexy Figur. Was hab ich mir da wieder eingebrockt?

Nein. Ich muss einen klaren Kopf kriegen. Ich drehe mich zur Seite.
Auf dem Nachtschränkchen liegt ein aufgerissenes Kondomtütchen.
„Svenja“, sag ich.
„Wichser“, antwortet die schöne Fremde, die noch meine Hose in meine Richtung schleudert, dann die Tür von meinem Zimmer zuknallt, dann die Wohnungstür, dann die Haustür.
Gottseidank wacht niemand auf.

Ich schaue auf den Wecker.

12:30.

Scheiße. Ich habe sie verpasst.

In Rekordzeit renne ich unter die Dusche, wasche mich oberflächlich, ziehe das Erstbeste an, was mir in die Finger kommt und renne aus dem Haus, vergesse dabei fast, die Türen zu schließen.
Ich haste Richtung Marktplatz.

Fünf Minuten. Zehn Minuten. Meine Lunge quetscht verzweifelt Luft rein und raus, wie ich, wenn ich hoffe, noch etwas Zahnpasta aus meiner Tube zu kriegen, wenn mir auffällt, dass sie alle ist und ich einen dringenden Termin habe, zu dem Mundgeruch absolut nicht angemessen ist.
Scheiße.

Der Markt wird gerade abgebaut.

Ich laufe hin und her. Keine Chance. Ich bin auch absurd. Arrogant. Zu denken, sie könnte hier fast vier Stunden auf mich gewartet haben. Ich Idiot. Was mache ich mir überhaupt Gedanken? Ich hätte mit einer absolut scharfen Braut brunchen können. Und dann läuft mir so eine über den Weg, ich habe doch keinen Vertrag mit ihr und ich werfe die beste Chance seit langem weg? War es denn eine Chance oder nur ein ONS?
Man man man.
Plötzlich.

Da vorne am Café.

Da sitzt sie. Ich renne hin, merke garnicht, wie bescheuert ich aussehe, als ich keuchend und verwuschelt an ihrem Tisch stehe. Sie mich ansieht.
„Hab mir schon gedacht, dass du es nicht schaffst.“
„Oh man, Svenja, tut mir echt Leid.“
Sie hat wirklich auf mich gewartet. Gut, dass ich richtig reagiert habe.
„Ja, ist ja kein Ding.“
Wie peinlich. Ich mache mir hier einen Film und sie bleibt locker. Sie hat mich in der Hand.
Ich setze mich.
„Ähm…“
„Ähm, genau. Ich hab voll die Scheiße gebaut.“
Soll ich es ihr wirklich erzählen? Sollte am anfang unserer zarten Affäre eine Lüge stehen? Ist es eine Affäre?
Plötzlich taucht neben mir jemand auf.
Er fasst mir auf die Schulter. Ich drehe mich.
„Hallo?“
„Hi“, sagt er, „Tom“
„Torben“.
Er setzt sich zu uns, gibt Svenja einen Kuss auf die Wange.
Ich merke, wie sich ihr Gesicht verzieht.
„Torben, das ist mein Freund. Tom, das ist Torben, ein…“ Pause.
„Kommilitone“, sage ich.“
„Ah, studierst du auch Genderstudies.“
„Ähhh, hmm, ja.“
„Ich dachte das studieren nur Frauen“, sagt er herrisch und lacht wie ein Krokodil.
Toller Typ.
„Was hast du denn für Scheiße gebaut?“
„Ehm, ich hab, genau, ich hab mein Portemonnaie vergessen, zuhause. Ich geh besser nochmal los.“
„Oh wir sind aber nicht mehr lange hier“, sagt Tom.
„Das macht auch nichts.“
Svenja schweigt betreten.

Ich will aufstehen, bin fast weg, da ruft sie: „Torben!“
Torben. Will sie mir jetzt sagen, dass es ihr Leid tut. Das es alles nur ein Missverständnis war? Ich kann ihr nicht mal böse sein. Ich habe ja selber Mist gebaut.
„Torben!“
Ich drehe mich um.
„Ja… Svenja?“
„Du musst mir noch deine neue Handynummer geben. Wegen der Referatsgruppe nächste Woche.“
„Achso. Ja.“
Sie hält mir einen Zettel hin. Ich schreibe meine Nummer drauf. Ein Smiley. Und darunter: „Das nächste mal ohne den Gorilla.“
Sie schaut drauf. Versucht ihr Grinsen mit einem Biss auf die Unterlippe zu löschen.
„Ok“, sage ich.
„Wir sehen uns?“ fragt Tom.
Ich antworte nicht.
„Wir sehen uns?“ fragt Svenja.
„Wir werden sehen.“

1 Kommentar:

  1. Schoen, dass Du die Geschichte in einen Blog gestellt hast, mir gefaellt sie sehr, so wie alle Deine Texte. Die Presentation ist auch ansprechend.
    Ich wuerde ein Buch von Dir sofort kaufen.

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