Seit Tagen sind meine Nerven angespannt wie eine Gruppe Erstsemester vor ihrem ersten Hochschulreferat. Das Ziel vor meinen Augen hat eine gute Weile darauf gewartet, wann es sich mir stellt. Jetzt, endlich. Ich bin froh. Ich bin da.
Da.
Da steht sie. Vor mir.
Ich muss schlucken. Schwindsucht.
Sie trägt eine rot-weiß-karierte Bluse. Sie sitzt perfekt. Ich schlucke.
„Schön, du bist da. Und wie pünktlich du bist!“, sagt sie.
„Ja…“, huste ich hervor und merke, wie meine Handinnenflächen kleine Bäche gebären.
„Dann komm mal rein“, lockt sie mich, ihre Hand fährt hoch zu meiner Schulter, mit einem Finger, einer einzigen Fingerkuppe berührt sie mich. Mein Körper möchte ekstatisch platzen. Mit einer einzigen Fingerkuppe schiebt sie mich in ihre Wohnung.
Die Wohnung ist hell, das ganze Weiß springt mich sofort an. Und sie ist, so stellte ich mir in meiner Jugend im Erdkundeunterricht das geteilte Berlin vor, mit einer unsichtbaren Wand, die das geräumige Flurkreuz in drei Sektoren aufteilt, durchzogen, die sich in den Eckpunkten Küche, Wohnzimmer und Bad überschlagen, vermischen und ein chaotisches Bild zeichnen. Ich versuche, Svenjas Handschrift herauszufiltern. Versuche, zu sehen, was ich sehen möchte. Und es klappt.
Dann sitzen wir plötzlich im Wohnzimmer auf einem knallroten Sofa. Der Höflichkeitsabstand beträgt einen Meter.
Sie trägt eine blaue, knusprig anliegende Jeans. Ich mag das. Das Hosenbein hat sie bis über die Knöchel umgeschlagen, sie trägt dazu knallgrüne Flipflops. Schärfster Kontrast zum Sofa. Ich mag ihre Füße.
An der Wand hängen schwarzweiße Bilder, Stadtszenen aus Paris, London, Rom.
„Deine Bilder?“
„Nein!“, sagt sie und lacht sofort, fährt sich mit ihrem Finger durch das Haar.
Ich klammere mich daran fest, hier alles beobachten zu können. Sie merkt es scheinbar.
„Was möchtest du trinken, Singstar?“
„Was hast du denn da?“.
„Ich habe eine Idee…“. Sie beißt sich in die Unterlippe, ganz kurz, wie das Aufflackern eines Feuerzeuges, blitzt kurz mit ihren Augen in meine, hüpft vom Sofa auf und verschwindet in der Küche. Zeit, um mich zu sammeln, um kurz durchzuatmen.
Sie ist heiß. Aber wieso fällt mir jetzt erst auf? War sie es bislang nicht? Woran liegt es, dass ich es jetzt erst merke? Mein Puls reguliert sich schleichend, die Hände kommen zur Besinnung. Ich schaue mich um, stehe auf, tigere durch das weite Zimmer, stehe am Fenster. Die Fensterscheiben sind so fein geputzt, dass man sie nur anhand der Wassertropfen bemerkt, die durch den Schauer allmählich dort auftreffen und sich ihren Weg bahnen. Ich berühre das Glas, um sicher zu gehen, dass sie wirklich da sind, ziehe meine Hand aber sofort wieder weg. Fingerabdruck. Schlechtes Gewissen. Es ist ein wenig so, als hätte ich so eben durch meinen Fingerabdruck, durch den Schmutz meines Daseins eine mikrokosmische Ordnung ins Wanken gebracht. Als wäre ich in ein Biotop eingedrungen, das sich gegen meine männliche Anwesenheit nicht wehren kann. Hier ist es zu sauber, beinahe klinisch. Ich spüre bereits das Trippeln einer osteuropäischen Putzfrau, nein, das Trippeln einer kleinen Wirtschaftsstudentin im knallroten Kostüm, passend zum Sofa, die reinkommt, mich entdeckt, mit einer riesigen Flasche Glasklar ansprüht und mit der rauen Seite eines riesigen Blitzi-Schwammes aus dieser Welt schrubbt. Auf meinem Grabstein steht "Weggeputzt", die Beerdigungsgäste haben alle Schutzfolien um ihre Schuhe, um den Rasen nicht zu beschädigen.
Da thront er, mein Fingerabdruck, wie ein Mahnmal, bedrohlich auf der sauberen Fläche. Ich hauche die Fensterscheibe an, nehme ein Tempotaschentuch aus meiner Gesäßtasche und entferne ihn.
„Was machen sie denn da? Ist es nicht sauber genug?“
Ich drehe mich um, Svenja feixt mich an.
„Nein, das ist ja unerträglich schmutzig hier, da war ich wirklich gezwungen, erstmal auszubessern!“
Sie lacht.
„Du hast an die Scheibe gefasst, ne?“
„Ja…“
„Das passiert mir auch andauernd, aber ich mache mir nie die Mühe, das wegzuwischen“
„Wieso nicht?“
„Wieso wohl?“
„Tjaaaaaa…“
Sie stellt zwei große, bunt gefüllte Gläser auf den Tisch.
„Probier mal!“
Ich nippe.
„Mhmmm! Was ist das?“
„Großmutters Geheimmischung.“
„Wollen sie mich etwa betrunken machen und verführen?“
„Wer weiß?“
Sie legt Musik auf, läuft etwas durch das Wohnzimmer. Ich muss ihr dabei kurz auf den Po sehen und danach meine Erregung verbergen. Es ist hier sehr warm, draußen prasselt es inzwischen so richtig nieder und als die Musik einsetzt, hockt sich Svenja vor mich auf den weißen Teppich, nippt an ihren Strohhalm und beginnt zur erzählen, was sie heute so tat.
Ich halte mein Gehör hin und verfolge dabei mit meinen Augen die Bewegungen ihrer Lippen, versuche mir vorzustellen, wie es wohl sein wird, an ihnen zu knabbern. Schau in ihre Augen, wenn sie kurz aus dem Fenster blickt, während sie überlegen muss, wie ihre Ausführungen weitergehen sollen, ich erkenne ihre Augenfarbe nicht genau.
Auch wenn ich sonst jedes Wort von ihr einatme, aufsauge, als wenn es noch einmal für eine Prüfung in meinen Leben entscheident sein wird, im Moment prallen sie an meinen meiner Stirn ab, ich bin unfähig, etwas davon zu behalten. Mir scheint es, ich sei etwas überfordert und gleichzeitig gebannt, so wie damals, als ich als Schulkind im Unterricht saß und das erste mal sah, wie Schnee fiel und ich an nichts anderes mehr denken konnte, als sofort rauszurennen und ihn zu berühren.
Und mit Menschen ist das wie mit Schnee, man muss immer aufpassen, wie und wann man sie anfasst, berührt, damit sie nicht unter der Hand wegfließen und nie wieder kommen.
„Und was hast du heute so getrieben?“
Draußen regnet es immernoch, es wird langsam kühler, ich frage mich, wieviel Alkohol wohl in diesem Cocktail war. Meine Wangen werden warm. Das Zimmer wird kurz erhellt, als die Sonne für einen Augenblick durch die Wolken hindurchbricht.
„Torben?“
„Ähm?“
„Wo bist du?“
Ich werde rot.
„Bei dir. Sorry, ich habe gerade versucht, herauszufinden, welche Augenfarbe du hast und mich dabei wohl so sehr konzentriert, dass ich plötlich wegtrat. Sorry.“
„Grün…“, sagt sie „… du Fratz.“
Sie kichert vergnügt, beugt sich zu mir nach vorne, gibt mir ein Küsschen auf die leicht glühende Wange. Es fühlt sich an wie ein Stück Schnee auf der Haut. Dann nimmt sie das leere Glas, steht erneut auf und verlässt mich wieder in Richtung Küche.
Wie kann sie mich mit dieser Geste jetzt alleine lassen? Argh!
Ich bemühe mich ebenfalls hoch und gehe ihr hinterher.
Da steht sie, füllt Säfte in ein Glas, gibt Rum dazu, Wodka, Kokosraspeln, Sahne und gecrushtes Eis. Sie singt vor sich hin.
Ich stelle mich direkt hinter sie, schaue ihr über die Schulter.
„Und was singst du da?“
Sie dreht sich, merkt, wie nahe ich stehe, landet in meinen Augen, zuckt leicht, errötet selber und dutzt kurz.
„Ehm, das ist Where the wild roses grow.“
„Und du bist Elisa Day?“
„Aber du möchtest mich doch nicht tot finden?“ sagt sie und legt eine verspielte Schüchternheit in ihren Blick. Jetzt fass ich sie an der Schulter.
„Niemals. Ganz anders.“
„Das ist schön.“
Dann singt sie weiter, während wir gespannt stehen bleiben.
„ They call me The Wild Rose
But my name is Elisa Day
Why they call me it I do not know
For my name is Elisa Day“
Das Eis klackert in das zweite Glas wie Perlen auf das Parkett eines großen, einsamen Hauses.
Dann versuche ich, meine Stimme auf Nick Caves Tiefe herunterzuschrauben.
„ From the first day I saw her I knew she was the one
As she stared in my eyes and smiled
For her lips were the colour of the roses“
So hört sie auf zu mixen, starrt mich an, ist überrascht. Auch ich bin überrascht, wie gut ich in diesem Moment den Ton getroffen habe. Ich stiere ihr auf den Mund, ihr Schneidezahn tritt leicht hervor und knipst kurz in die Unterlippe. Als meine Hand zu ihren Hals wandert, drillt es schrill an der Haustür.
Wir schrecken beide auf.
„Oh Ah!“. Sie stottert.
„Du kriegst noch Besuch?“
„Eigentlich nicht. Ah. Äh. Hm. Ich muss mal nachgehen sehen.“
Übereilt verlässt sie die Küche, ich greife mir einen der beiden Drinks, nippe, schmecke, wie mich der Geschmack wieder auftaut und ich höre, wie sich im Flur die Tür öffnet, höre Frauengekicher, das die ganze Etage erfüllt und wie zwei Personen herein kommen. Ich höre das Geklacker von Bierflaschen, höre Svenja: „Aaah, was macht ihr denn hier. Was eine Überr…eh…raschung!“
„Ja, wir dachten wir komme mal wieder vorbei und überfallen dich zum Vortrinken.“
Dann luken sie in die Küche, glotzen mir ins Gesicht und erstarren.
„Ach, du hast ja schon Besuch?“
„Ja! Das ist Torben.“
„Hallo Torben“, sagen die beiden Mädchen.
„Hi“, entgegne ich.
Svenja sieht zu mir rüber und zuckt etwas unvermittelt mit den Schultern, bittet die beiden dann ins Wohnzimmer, kommt wieder zu mir in die Küche, nimmt sich das zweite Glas.
„Das war eigentlich nicht der Plan. Aber du weißt ja, wie Freunde sind… . Oder?“
„Ja, das weiß ich“ sage ich und bemühe ein joviales Lächeln.
„Mein Nick Cave“, sagt sie, nippt an ihrem Glas, sieht mir tief in die Augen und dann gehen wir zu den Damen herüber.
Die beiden reden die ganze Zeit über Universitätsdinge, Klausuren, neuen CDs und es fällt mir schwer, ihnen zu folgen. Abundzu berühren sich meine Blicke mit Svenjas. Es wirkt fast so, als würden wir mit den Augen Händchen halte und doch ist sie auf dem anderen Ende des Wohnzimmertisches wie durch eine vierspurige Wortschnellstraße von mir getrennt, während die beiden Freundinnen den Raum in eine verbale Luftpolsterfolie packen, die jedes Näherkommen unterbindet.
Ich beginne, aus dem Fenster zu sehen, an die Gesangseinlage in der Küche zu denken, mich zu ärgern, wie knapp das war. Beginne, mich zu freuen, wie knapp das war und stöbere dann in der WG-CD-Sammlung.
Paolo Nutini trifft Bee-Gees trifft Interpol trifft Arctic Monkeys tritt Roger Cicero, Yvonne Catterfeld, eine ganze Beatsteaksdiscographie, eine Beatles-Discographie, eine McCartney-Single und ich bleibe am The Killers Album kleben.
Ich öffne sie, lege sie in den Player und skippe auf "Somebody Told Me", grinse zu ihr rüber. Sie merkt es sofort, schnalzt kurz und entschlossen mit der Zunge, zischt leicht, wird etwas rot, schüttelt mit dem Kopf und muss dann lachen.
Die beiden Freundinnen sind so in ihr Gespräch vertieft, dass sie davon nichts registrieren.
Der Abend verstreicht, ein Glas nach dem anderen leert sich und am Ende findet sich eine beachtliche Anzahl an unterschiedlichen Glassorten und Bierflaschen auf dem Wohzimmertisch. Gemeinsam versuchen wir, das geringe Chaos aus dem ordentlichen Kosmos zu entfernen, um das WG-Thermometer nicht zum Ausschlag zu bringen, bis Svenja schließlich vor uns tritt und bekannt gibt, welche Disco sie für heute abend ausgesucht hat.
Es ist Nacht.
Der Regen hat sich inzwischen verzogen, als wir das Haus verlassen und die Wolken geben Blicke auf die Sterne frei. Die Straße ist mit einem Regenfilm überzogen und es knatscht unter unseren Schritten. Wir laufen 20 Minuten, leeren weitere Flaschen Bier, die wir in einem weißen Plastikbeutel mit uns führen.
Wir sind inzwischen völlig befreit und meine anfängliche Abneigung gegenüber Svenjas Freundinnen ist inzwischen verflogen. Während die rote Ampel uns an einer Kreuzung aufhält, gibt es unter Gekicher eine zweite Vorstellungsrunde. Sie heißen Sybille, auch genannt Sylle und Mira, die lieber Katze genannt werden möchte. Auf Svenjas Hinweis hin stelle ich das auch nicht in Frage, sondern nenne sie einfach so.
Als wir die Ampelkreuzung überquert haben, klemmt sich Svenja unvermittelt bei mir ein, ihre Finger schieben sich zwischen meine, sie lehnt ihren Kopf kurz auf meine Schulter und sagt leise „Ist doch garnicht so schlimm gelaufen, jetzt, oder?“.
„Ja“, sage ich, streichel mit meinem Daumen kurz über ihren Handrücken, damit sie mein Ja nicht als Ironie missversteht.
„Magst du die beiden denn ein bisschen?“
„Am anfang fande ich sie schon etwas nervig“, flüster ich,“aber ja, eigentlich sind sie echt nett. Du wirst ja auch einen Grund haben, dass du mit ihnen befreundet bist.“
„Ja, den habe ich“, lacht sie, drückt mich kurz, dann rennt sie zehn, zwanzig Schritte voraus, bleibt stehen, hüpft, dreht sich und wir wissen, dass wir angekommen sind.
Die Disco ist vollgepfropft, die Tanzfläche platzt beinahe und die Stimmung ist ausgelassen. Doch dann befällt mich, welche Musik man uns hier heute bieten wird.
Es ist ein Ska-Abend. Wie von einem Zirkusorchester dröhnen die schrägen, kitschigbunten Melodien aus dem bemitleidenswerten Boxen zu denen die Menschen in wilden Ausfallschritten umeinander herum hüpfen, als hätten sie sich auf dem Weg in die Villa Kunterbunt verlaufen.
Ich sehe Svenja an.
„Das ist aber jetzt nicht dein Ernst!“
„HAHA“
„Ich bitte dich!“
„Nein, das ist nur ein kleiner Scherz, ist ja heute eh umsonst. Wenn wir zuerst hier sind, genießen wir die andere Musik nachher mehr.“
„Hmm. Nagut. Aber echt mal, das ist doch hier eine Afterworkparty von den Sozialpädagogen. Soviel Ethnoheinis gibt es in ganz Afrika nicht.“
„Jamaika!“
Plötzlich läuft, etwas aus dem musikalischen Zusammenhang gerissen, NOFX und die ganze Partymeute raster völlig aus, schubst sich hüpfend rum, selbst auf den Rängen. Alle brüllen sie „Kill all the white mon!“.
„Kill all the white men? Was glauben diese verwöhnten Lehrerkinder denn, wo sie dann bleiben?“
„Hehe, das frage ich mich auch immer. Bier?“
„Ja, das ist nötig.“
Wir schieben uns an die Theke, als ich von so einer Dreadlocks tragenden einfünfundneunzig großen Bergziege gefragt werde, ob das neben mir meine Freundin sei.
„Ja“, sage ich und kann mir nicht vekneifen, noch nachzusetzen.
„Darf ich auch etwas fragen?“
„Klar!“, antwortet der etwas nach drei Tagen Wasserausfall riechende junge Mann.
„Alles ska?“
„Haha, witzig!“, sagt er.
„Nicht wirklich“, antworte ich.
„Was hast du denn gegen mich?“
„Was hast du denn gegen dich?“
„Uff!“
„Achso. Nagut, wir müssen dann auch mal weiter“, sage ich, schaue eindeutig zu meinen Damen rüber, woraufhin wir auf mein Betteln hin den Laden wieder verlassen.
Draußen wartet bereits Katze, zeigt auf mich und lacht.
„Du hättest deinen Blick sehen müssen, als die NOFX gespielt haben!“
„Geht so, ne?“, anworte ich.
Kommentarlos ziehen wir weiter, Svenja hakt sich erneut bei mir ein und wir schlendern vor uns hin, während sie ein neues Lied hervorsummt.
„Du bist auch ein kleines Musikkind, was?“
„Es müssen sich ja nicht nur immer Gegensätze anziehen“, antwortet sie und wir schauen gleichzeitig nach oben.
In der anderen Disco ist ein recht regulärer Abend angesagt, wir kämpfen uns wieder zuerst zur Theke durch, bestellen das nächste Bier. Als ich mich umsehe, erkenne ich vor allem viele junge Menschen. Die Musik ist besser als auf dem Ska-Abend, was auch nicht besonders schwer zu erreichen war. Insofern ist Svenjas Laufplan hervorragend aufgegangen. Ich störe mich nur wenig an dem stark routinierten Spiel des DJs, der offensichtlich eher zur Sorte Jukebox als zur Sorte Künstler gehört. Ganze Wellen an Menschen fluten an sein Pult, entladen ihren Wunsch und ebben zurück auf die Tanzfläche.
Wir nähern uns dem Schauspiel etwas an und bekommen mit, wie ein junges Mädchen auf Zehenspitzen stehend am Pult klemmt während sie sich lauthals „Deine Eltern sind auf einem Tennistornia“ von Remmi Demmi wünscht. Wir lachen parallel zum DJ los, der sofort eine Thekenkraft zu sich winkt und ihr davon erzählt. Auch sie fängt ohne Verzögerung an, zu lachen, rennt zurück zur Theke von wo aus sich das Lachfeuer im ganzen Laden ausbreitet. Innerhalb weniger Minuten avanciert die kleine Dame zur Prominenten des Abends.
Ein wenig tut sie mir dann schon Leid und ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich immer so gehässig bin. Aber dann bemerke ich, wie viele Typen diese Misgeschick nutzen, um sich an sie heranzuschmeissen. Also wird Ignoranz im Leben am Ende doch belohnt, halte ich fest und remple beim sinieren jemanden an. Es ist ein Mittzwanziger in Cordsacko, Hornbrille und mit einem braunen Seitenscheitel. Ich entschuldige mich. So kommen wir ins Gespräch. Es stellt sich heraus, dass er DJ aus einer anderen Stadt ist, der hier eine Freundin besucht und am Wochenende in diesem Laden ein Beatclub Special auflegen wird, sich daher den Club vorher schonmal ansehen möchte.
„Und was glaubst du, wie ist das Potenzial?“, frage ich.
„Läuft, läuft“, sagt er, „mit guter Musik kann man immer überzeugen.“
Ich erinnere mich an den Ska-Abend.
„Nicht nur mit guter, leider“
„Aber wir müssen ja nicht alles den Hunden überlassen.“
„Da hast du Recht.“
Wir stoßen an, trinken und er erzählt noch ein paar Wortwitze, von denen ich mir die die Hälfte sofort merken möchte und die andere Hälfte schon kenne. Er kichert bei jeder Pointe wie ein kleiner Junge, der einen Streich gespielt hat, was ihn mir sehr sympathisch macht.
Svenja kommt auf uns zu, ich stelle sie einander vor, dann will sie mich auf die Tanzfläche zerren. Ich verabschiede mich noch vom Gast-DJ mit dem Versprechen, mir seinen Abend anhören zu kommen und kurz darauf verlieren Svenja und ich uns in der Musik. Es ist selten, dass man beim Tanzen von Natur aus zusammenpasst, das man harmoniert, aber wir haben dieses seltene Glück, bauen kleine Poserstücke ein und nach zwei oder drei Liedern ist egal, was aus den Boxen kommt. Es geht nur noch um uns. Alles andere verschwimmt.
Sie zieht mich nah an sich heran, flüster mir „Nick Cave“ ins Ohr, küsst mich dahinter.
Ich will antworten, doch der Alkohol macht sich plötzlich in Unterkörper bemerkbar, ich zucke kurz zusammen. „Ich bin gleich für dich da“, sage ich, „nicht weggehen!“.
„Niemals“, sagte sie, lächelt, dann blickt sie nach oben und tanzt weiter, während ich zur Toilette eile.
Eine Schlange hat sich gebildet. Es dauert circa zehn Minuten, ehe ich endlich mein Geschäft erledigen kann. Es wird nicht einfacher, so lange inne zu halten, da ich zurück zu ihr will. Als ich endlich zum Zug komme und sichtlich aufgelockert wieder in Richtung Hauptraum gehe, sehe ich, wie sie sich mit einem Mädchen unterhält. Ich habe dieses Mädchen auch schon mal irgendwo gesehen.
Aber wor?
Wo zum Teufel?
Dann fällt es mir wieder ein. Es ist die, neben der ich am Sonntag aufgewacht bin. Scheiße. Die werden sich doch wohl nicht kennen? Was tue ich denn jetzt?
Sie redet hektisch auf Svenja ein. Sie drehen sich kurz zu mir. Svenja blick mich an. Verzieht den Mund. Ich kann diese Mimik nicht zuordnen. Dann drückt sich an dem Mädchen vorbei und verlässt eilig den Laden. Verdammte Scheiße. Was war das jetzt? Woher würde sie überhaupt wissen, das Svenja mit mir zutun hat? Hat sie uns beobachtet?
Will sie es mir heimzahlen?
Was soll ich jetzt tun?
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