Mittwoch
Die Luft steht. Sprichwörtlich. Es scheint mir, als habe der Tag bereits mit dreißig Grad begonnen, unsere ächzt Wohnung unter der Hitze. Mars, Anja und ich sind seit Acht wach, weil ans Schlafen gar nicht zu denken ist. Rettender weise hatte ich die Idee, uns kalte Schalen mit Wasser unter den Küchentisch zu stellen, in die wir alle unsere Füße reinhalten, während wir fernsehen und abwechselnd mit unseren Köpfen nach vorne kippen und kurz einnicken.
Nach etwa drei Stunden rafft Mars sich auf, stolpert wie ein Untoter zum Kühlschrank, holt drei Nektarinen, Orangen und Eier raus und beginnt, zu brutzeln und zu schnibbeln. Ich kann nur zu Anja rüber schielen, die meinen Eindruck teilt, dass es schon an Wahnsinn grenzt, ans Essen auch nur zu denken. Mein Magen und meine Speiseröhre - ich bilde mir ein, ich kann sie genau spüren, wie sie von den Strapazen dehydriert kleben. Aber, Mist, Ja! Trinken! Das ist eine Idee. Ich lache. So ist das nun, wenn man das früh aufstehen nicht gewöhnt ist - man vergisst die banalsten Dinge.
„Trinkäääään!“, wimmer ich langsam und gequält in die Runde, schaue hilflos und strecke einen Arm Hänsel-gleich nach vorn und hoffe, dass ich Anjas Muttergefühle wecke, sie mir etwas heran reicht.
Aber sie schaut noch gequälter zu Mars rüber, streckt auch ihren Arm aus und wiederholt
„Trinkääähääään! Jehehehehetzt!“.
Jeder Mensch, der uns nicht kennt, käme sofort auf die Idee, wir wären bloß verweichlichtes, kindisches Studentenpack, nicht so aber Mars, der es viel zu sehr genießt, wenn er gebraucht, gerade zu angebettelt wird. Er lässt seine Hand von der Pfanne ab, holt weitere Orangen, presst uns daraus O-Saft und bringt 3 Flaschen Mineralwasser aus der Abstellkammer dazu. Wie eine gierige Meute Schnäppchenjäger japsen wir das O-Saft-Glas in absoluter Rekordzeit runter, seufzen laut und erleichtert auf, kippen danach das laue Mineralwasser in uns hinein. Anja krönt dieses kurzweilige Schauspiel mit einem inbrünstigen und zugleich zutiefst zarten, weiblichen Rülpser. Mars küsst sie auf die Stirn und verzeiht uns.
Ich versichere ihm daraufhin, dass er der beste Mitbewohner auf der Welt sei und dass, wenn ich eine Frau wäre, sicher feste Absichten ihm gegenüber hegen würde, trotz aller platonischen Liebe zu Anja, die, als sie dies hört, nur pikiert mit der Zunge schnalzt, mir auf die Schulter klopft und in angekratzer Souveränität ein „Träum weiter“ in mein Gesicht haucht. Ihr Atem riecht nach acht Stunden Schlaf und Orangenfruchtfleisch.
Erotisch.
„Sagt mal, träumt ihr auch immer so scheiße, wenn es draußen so warm ist?“, fragt Mars uns plötzlich, während er weiter in der Pfanne mit dem Ei rumstochert.
„Nee, wieso“, antwortet Anja, während ich mich daran erinner, wie beklemmend mein Traum in dieser Nacht war. Der Traum, der neben der Hitze dazu geführt hat, dass ich so früh aufwachen musste.
„Naja, ich träum dann manchmal, dass es brennt. Nicht so schön.“
„Ich habe heute auch wirklich einen abgefuckten Mist geträumt“, werf ich ein, „da wusste ich beim Aufwachen garnicht, ob ich von der Hitze verschwitzt bin oder von der Aufregung.“
„Das klingt übel."
Ich nicke Mars zu.
„Das würde mich jetzt aber schon interessieren, was du genau geträumt hast.“
Ich grübele los, versuche, die Bilder nocheinmal zusammenzustreichen. Oft ist mir kurz nach dem Traum noch genau klar, was ich geträumt habe, so, dass ich mir einbilde, ich könnte es nie wieder vergessen, aber meist verschwinden diese Erinnerungen dann innerhalb weniger Stunden. ..“
Ich erzähle von einem Traum, bei dem ich im Haus meiner Eltern gefangen bin und von außen erst Räuber und dann kannibalische Kinder eindringen wollen. Nachdem das Haus mit den blutrünstigen Kindern übersät ist, rette ich mich, in dem ich sie abschlachte, bevor sie mich verspeisen können.
„Das war aber nochmal knapp“, staunt Mars sofort und ich sehe, wie die beiden mich anstarren, wie sie erst mit fiebern und plötzlich erleichtert aufatmen.
„Oh MEIN GOTT! Ich glaube, ich hätte einen Herzinfarkt bekommen, bei diesem Traum“. Ich sehe zu Anja und bemerke, wie ihre Hand zittert. Ihre einfühlsame, sensible Art spüren viele im Alltag kaum.
Das Schlimmste für mich wäre, wenn einer sagen würde, dass ich doch krank sein muss, um so ein Zeug zu träumen. Oder wenn Anja jetzt anfangen würde, den Traum psychologisch zu analysieren. So von wegen Freud und Libido und unterdrückter Sexualität und all dieser Kram. Aber sie legt ihre Hand auf meine Schulter. Und Mars serviert das Rührei.
Im Grunde genommen, denke ich, ist es doch besser, in einen Tag, an dem ich mit Sicherheit Svenja sehen werde, mit einem Alptraum zu starten, als wenn ich glücklich aufwache und es von diesem Punkt auch nur noch schlimmer wird. Wie fein man sich alles zusammenzimmern kann. Ich lächele und Mars entgegnet mir „Siehst du, wenn der Papi kocht, da sind auch all die bösen Träume gleich vergessen“.
„Ja, du bist mein Private Johann Lafer, nur ohne die zehn Millionen Jahresumsatz.“
„Hmpf! Die kannst du mir aber ruhig auch geben.“
„Wenn ich sie mal irgendwann über habe, kriegst du sie! Versprochen!“
Ja, ich werde heute Svenja sehen. Sie freut sich auf mich, es wird um sieben sein. Um sieben. Soviel Zeit für uns, bis es dann wohl Tanzen geht. In welchen Laden wird sie mich wohl entführen wollen. Worauf sie wohl tanzt? Sigur Ros hört sie, das weiß ich ja, aber sonst?
„Rührei. Mhmm!“ Ich zähle die Sekunden, frage ich mich, was ich anziehen soll, was sie wohl anziehen wird, wie es bei ihr aussieht, ob es zu etwas kommen wird. Ob ich Kondome mitnehmen soll? Wird sie mich verführen wollen? Wird sie wollen, dass ich sie verführe? Am besten sollte ich alles auf mich zukommen lassen, ich werde es früh genug sehen.
Blick auf die Uhr. 12:48. Ich werde es in exakt sechs Stunden und zwölf Minuten genauer wissen.
……… ..
Der Nachmittag will kein Ende nehmen. Wie eine endlos lange Straße auf dem Weg zwischen zwei Dörfern, wie die Rede des Rektors in der Aula am ersten Unitag, der Referat eines Kommilitonen mit nerviger Stimme, wie Regen im April, es würden mir noch viele Beispiele einfallen, denn mir ist langweilig und die Zeit will sich einfach nicht totschlagen lassen.
Ich stöbere in alten Briefen herum - ich habe sie in einer großen schwarzen Box gesammelt. Oft, wenn ich das Gefühl habe, ich stehe vor etwas gutem Neuen, dann öffne ich sie, erinnere mich an gute vergangene Zeiten. Liebesbriefe, kleine Nachrichten, die den Weg beschreiben, der hier her führt. Ich lese einen Brief, sie schrieb mir ein Gedicht von Paul Celan. Es passt gerade sehr gut.
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.
Es ist Zeit, dass es Zeit wird. Der Brief riecht nach Vanilla Kisses von Impulse. Das haben damals zwar fast alle Mädchen getragen, ich fand es trotzdem sexy. Heute riecht es ein bisschen nach kleinem Mädchen, aber wir waren jung. Der Geruch ist inzwischen eher bitter, verlebt, aber das kann auch an dem verdammt heißen Wetter liegen.
Wenn es stimmt und überall in der Luft Staubmilben sind außer in keimfreien Laboren, dann könnten sie Staubmilben gerade sicher auf meiner Stirn eine kleine Poolparty veranstalten, sich mit Cuba Libre besaufen und wilden Sex haben. Wilder Sex. Svenja.
Ich gehe in die Stadt. „Eis. Jetzt!“
…..
Auch in der Stadt steht die Luft, ich Blicke auf die Uhr, 17:10, es wird nicht später. Es ist ganz so, als ob die dicke, schwere Luft sie vom Laufen abhalten würde, als ob sie man sie auf den schwelenden Asphalt drücken würde wie eine russische Ringkämpferin ihre körperlich unterlegene Gegnerin aus Nigeria.
Speckige, weiße Waden springen mir überall entgegen, schwarze Flipflops aus dem H&M sind die Trendfußmode der jüngeren Männer. Ein junges Mädchen mit Slipons, weißen Kniestrümpfen mit blauen Kringeln und einer kurzen Short, sie ist vielleicht 17, tigert an mir vorbei. Wäre vielleicht unter normalen Bedingungen noch irgendwie… kinky, aber bei solchen Temperaturen packe ich mir einfach an den Kopf, Kniestrümpfe bei gefühlten 45 Grad, wie nötig kann ein Mensch es denn haben? Sie ist doch noch jung. Was wird Svenja wohl anhaben? Rotlichtkino im Kopf. Ich merke, wie meine Jeans sich vorne beult. Jetzt schnell ein Eis.
Es hilft. Waldmeister und Vanille, cremig.
„Waldmeister?“, sagt eine Stimme neben mir.
Ich drehe mich. Sie ist klein und dicklich, hat rotgefärbte, schlecht rotgefärbte Haare, ein Sternchentop, das nur mit Mühe zusammenhält, was niemand sehen will.
Ich verstelle meine Stimme.
„Pardon?“
„Waldmeister?“, wiederholt sie und deutet ein Lächeln an.
„Don’t speak german. What do you mean with What’s my stair?“
„Waldmeister! I... äh… askt ju… if ju… äh… Wuttmaster Eiskreme?“
„Sorry, i don’t get, your mister has a stair, what?“
„Ah, äh, ju laik jua Eiskreme?“
„What?“
„Forgitt et!“
„What?“
„Zorri!“
„What?“
Ihr Gesichtsrot verändert sich von blassem Spanferkel in gekochten Hummer und sie geht. Das wäre geschafft.
Eine kleine Katze läuft an mir vorbei, sie huscht geradezu vorbei, hüpft über meinen Schuh und streichelt mit ihrem Fell an meiner Haut vorbei. Es fühlt sich weich an, sie hat recht kühles Fell, so wie ich das auf die Schnelle beurteilen kann. Sie ist wirklich süß. Ich überlege kurz, ob ich sie nicht fassen soll, mitnehmen und Svenja als Geschenk überreichen. Aber dann wird sie sicher irgendjemand vermissen. Oder auch nicht. Sie ist ein freies Tier. Genau. Und ich darf sie nicht einfach in Abhängigkeit bringen, nur, weil sie putzig ist.
Sie biegt um die nächste Ecke. Thema erledigt.
Ich schlendere so noch eine Weile gedankenversunken durch die Gassen und komme wie aus Geisterhand ganz unvermittelt wieder zuhause an.
Viertel nach sechs, jetzt könnte ich gemütlich duschen gehen.
Doch dann fällt mir ein, dass ich in meiner Berechnung nicht berücksichtigt habe, wie lange ich zur ihr brauche. Wo wohnt sie überhaupt? Blick auf den Zettel.
„Mist“. Das schaffe ich kaum rechtzeitig.
„Anjaaaaaaaaa!“
Anja, kommt aus ihrem Zimmer.
„Duuu. Du musst mir helfen!“
„Aber immer doch. Worum geht es?“
„Ich habe gleich ein Date und brauche dein Fahrrad, weil es so weit weg ist und die Busverbindung scheiße ist.“
„Ein Date?“
„Argh. Ich muss noch duschen. Ich erklär dir das alles total ausführlich morgen, versprochen. Krieg’ ich’s nun oder nicht?“
„Ja, gut, aber morgen erfahre ich alles!“
„Auf jeden!“
Sie geht an ihren Schreibtisch, kramt den Schlüssel raus und schnippt ihn mir rüber. Meine WG. Meine Familie. Hach.
In Windeseile geduscht, ich habe Glück, nach dem Föhnen sitzen die Haare perfekt. Das Shirt fällt passend, hat keine Falten, ich bin genau aus der richtigen Form geschmiedet. Es kann losgehen.
Ich schwinge mich aufs Rad und fahre los. Los, los, los. Über mir donnert es plötzlich. Wind zieht auf. Es wird dunkel und kühlt innerhalb von Minuten ab. Der Wind wird stärker. Er jagt mich durch die ganze Stadt. Gewitter in Verzug. Los, los, los. Als die ersten Tropfen meine Haare berühren, komm ich an. Hübsche Straße. Ich klingele, sieben Uhr zwei.
Es surrt, ich öffne. Draußen platzt es aus allen Wolken, die Wassermassen knallen auf die Straße. Ich gehe die Treppe hoch. Es schimmert durch die dunklen Wolken nur gedimmtes Licht durch die Fenster im Treppenhaus. Herzblattatmosphäre.
Da steht sie im Türrahmen. Als hätte sie die Hitze aufgenommen. Sie ist heiß. Svenja.
Ich bin bereit.
„Da bist du ja!“
„Ja“, lache ich.
Sie kommt auf mich zu.
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