Sonntag, 15. August 2010

Tag 4/3: Einmal Svenja und zurück?

In meine Gedanken und Erwägungen verhaftet klebe ich in einer Bierpfütze fest, weiß nicht vor oder zurück, während mir mein Schweiß den glühenden Rücken runterläuft, weiterer fremder Schweiß von der Decke tropft, auf meine Stirn trifft, ich zusammenzucke und ihn wegwische.
Sie kommt auf mich zu. Schnurrstracks. Sie schaut mir in die Augen. Direkt. Dieses Stück.
Der ICE des vorzeitigen Romanzenabbruchs rast auf mich zu, während ich ratlos auf dem Gleis klebe. Sie will mich überrollen. Zu Ende bringen, was sie Samstag nicht geschafft hat.
Komm schon Baby, gibt mir den Rest. Schlag zu.
Ich muss grinsen.

„Hey!“
„Hey!“
„Hey. Ich habe deiner Freundin gesagt, dass ich kurz mit dir alleine reden will. Sie hat mich erst abwiegeln wollen, ich habe ihr aber dann erzählt, dass wir uns schon länger kennen und eine Ewigkeit nicht gesehen haben.“
„Okay?“
„Wegen Samstag…“
„Ja?“
„Tut mir Leid. Das mit dem Arschloch. Ja, du warst ja wirklich besoffen und darauf hab ich ja auch keine Rücksicht genommen. Und jetzt seh ich, du hast ne Freundin. Das ist Svenja?“
„Ja…“
„Weißt du, ich habe nen Freund und wenn ich daran denke, was ich da für eine Scheiße gebaut habe. Das ist echt Mist. Ich wollte das garnicht. Hm. Also, ich will dir nicht drohen, ich versprech dir, ich behalt das für mich. Das mit Samstag…“
„Aber?“
„Ich würde mir wünschen, dass du es mir auch nicht krumm nimmst und es auch für dich behälst. Weißt du, ich will keinen Stress mit meinem Freund. Du weiß ja, wie diese Stadt ist... Das ist ja auch für uns beide das Beste. “
Ich weiß es. Aber hey. Was tut sie hier? Wie absurd. Wie absolut undenkbar war das denn jetzt gerade? Klar war ich besoffen, aber ich sollte doch noch Herr meiner Taten sein? Sie nimmt die Schuld einfach auf sich, ohne mir etwas Verantwortung zu lassen. Ich glaube, sie hat einfach wirklich Angst um ihre Beziehung. Wenn die Beziehung beständig ist, wieso geht sie dann fremd?
Hmm.
„Kein Ding. Wirklich nicht. Für mich ist alles cool!“
„Wirklich?“
„Ja. Vergessen wir’s einfach. Shit happens.“
„Danke. Wenigstens ist nichts gelaufen. Machs gut, du!“

Was? Es ist garnichts gelaufen? Oh man.
Da geht sie hin. Weg. Mist. Ist wirklich NICHTS gelaufen, oder war das nur ein Spruch? Was ist passiert? Hab ich mir umsonst Sorgen gemacht? Ich bin ganz verwirrt. Wieso steh ich überhaupt hier? Svenja. Ja.

Ich schiebe mich durch die Menge nach draußen. Da sitzt sie auf der Mauer, ganz alleine mit der Nacht und nippt an ihrem Bier. Sie sieht friedlich aus, als wäre sie Teil der Nacht, als wäre sie ein Gemälde, dass ich jetzt nicht zerstören sollte. Aber ich bin so, ich muss an der Welt herummalen, herumschrauben. Menschen sind so. Ist die Liebe bloß Kunst, die an der Wand hängt und wir stundenlang davor sitzen und seufzen? Oder ist sie der Kuss, der befreiende Kuss nach einem heißen Tag, einer Gewitternacht im drohenden Morgen? Der Kuss, den wir dem Schicksal abnötigen wollen? Was für Gedanken.

„Na du?“, sage ich und setze mich zu ihr.
Sie hebt ihren Blick in Richtung Sterne und nippt an ihrem Bier.
Dann legt sie ihren Kopf an meine Schulter.
„Ist dein Gespräch beendet?“
„Ja, sonst wäre ich nicht hier.“
„War es denn so wichtig?“
„Ich finde, hmm, naja. Was ist schon wichtig?“
„Das kommt auf den an, der spricht.“
„Oder auf den, der fragt.“
„Oder so. Ja. Früher hatte ich Angst vor dem Erwachsenwerden. Alles zu wissen stellte ich mir schrecklich vor. So ernst und langweilig. Ich hatte Angst, ich könnte meine Freiheit verlieren. Weißt du, als Kind, als Jugendliche, da heißt es dann immer, man sei ja noch ein Mädchen und Vieles wird einem so einfach verziehen, weil man davon ausgeht, dass es aus Erfahrungsnot heraus geschieht. Aber jetzt beginne ich zu merken, dass ich allmählich erwachsen werde. Und die Fragen beantworten sich nicht einfach, es kommen neue Fragen, weitere Fragen. Und manchmal, da habe ich das Gefühl, die Freiheit, die wir noch haben, wenn wir älter werden ist, nicht auf alles eine Antwort zu finden. Nicht alles beantworten zu müssen.“
Dann sitzen wir zehn Minuten lang einfach da. Ich möchte garnichts sagen. Es sind ihre Gedanken, die die Luft füllen, es ist ihr Moment. Ich fühle mich wie ein Glas, dass gefüllt wird, mit einem Tropfen Wein, der über Jahre gereift ist. Ich fühle, dass ihre Wort unter meiner Haut warm werden. Und ich hoffe, dass sie einen Schluck von mir nimmt. Das ist ihr Moment. Jetzt muss sie es tun. Bitte.

„Und was meinst du?“, fragt sie plötzlich und genau in diesem Moment dreht sie sich dann doch zu mir und sieht mir ins Gesicht, sieht mir auf die Augenbraue und folgt der Schläfe hinunter bis zum Mund, bleibt dort kurz mit ihrem Blick stehen, grübelnd, zieht dann weiter zum Hals, meinen Händen und dann blickt sie einfach wieder nach vorne.
„Was ich meine… Ich meine, dass es auch Freiheit ist, bestimmte Fragen nicht zu stellen. sich etwas offen zu lassen, zu hoffen und zu träumen. Die Türen nicht zu schließen, weil wenn man erstmal weiß, dann weiß man einfach und manche Türen bleiben dann verschlossen, ohne dass man noch überlegen kann, durch sie hindurchzugehen oder es zu lassen.“

Dann herrscht wieder Stille.
Nach einer kleinen Ewigkeit zwitschert ein Vogel. Ich blicke vom Asphalt vor uns auf, es dämmert allmählich. Ich habe keine Ahnung, wie lange wir hier gesessen haben. Ich höre mich in Endlosschleife meine letzten Worte in meinem Kopf erneut sagen.
„Ich sollte jetzt nach Hause gehen, Torben.“, sagt sie und steht auf.
Im Aufstehen drückt sie mir einen Kuss auf die Wange. Einen warmen Kuss. Ein flüchtigen.
In ihrem Blick lese ich, was auch ich denke. Dass wir gerade wieder etwas älter wurden. Ich beginne zu fürchten, dass wir durch das dünne Eis, auf dem wir ritten, durchzubrechen drohen, wie zwei, die zuviel vom Leben kennen, um auf Wolken zu tanzen.. Vielleicht waren wir einfach zu tief, jetzt gerade. Zu tief für einen unbeschwerten Sommer. Vielleicht bräuchten wir die Fragen und die Antworten. Vielleicht. Scheiße. Ich fange an zu denken wie kleine Mädchen auf einer Internetplattform für Mittelmäßige. Das ist nicht die Farbe, die ich trage.
Ich habe keine Ahnung.
„Mach es gut, kleiner Meisenmann“, sagt sie, winkt mir zu und dann geht sie in die aufgehende Sonne. Alleine.
Ich bleibe noch eine Weile sitzen und seufze tief in mich hinein. Dorthin, wo meine Worte herkommen. Meine Gedanken. Gefühlschaos

Dann gehe ich auch nach hause.
Mehr und mehr Vögel beginnen, zu zwitschern. Auf der Straße kommen mir Pärchen entgegen, umschlungen, die sich jetzt in ihre Betten verkriechen. Wieviele von ihnen wohl glücklich werden? Wieviele von ihnen wohl glücklich sind?
Betrunkene Penner torkeln Lieder gröhlend vorbei. Singen davon, dass die Liebe eine große Schlampe ist. Der erste Bus läutet das Aufwachen des Alltäglichen ein.

Es kommt, wie es kommen muss. Manchmal läufst du tagelang herum, als hätte die Welt dir einen Gratisflug ins Land der Liebe geschenkt und plötzlich hast du das Gefühl, du hast dein Ticket verloren.
Das andere Mädchen hatte also einen Freund und ich frage mich, wieso sie ihn betrügt. Ich glaube, sowas tut man nicht, wenn man glücklich ist Und sie wollte mir doch signalisieren, dass sie eigentlich glücklich sei. Oder?. Doch was tue ich selbst? Svenja hat Tom. Kann ich das einfach so weiterleugnen? Kann sie es? Ist Svenja mit Tom glücklich?
Hat das Mädchen ihren Freund betrogen, wenn zwischen uns garnichs lief? Ist ein Unfall Betrug? Bin ich ein Unfall? Was will Svenja? Was will ich?
Was will ich?

Ich habe keine Ahnung. Vielleicht überinterpetiere ich herum, mache mir zuviele Sorgen. Ich muss morgen mit Anja sprechen. Morgen, wenn ich nüchtern bin. Das ist der letzte Gedanke, den ich fassen kann. Klar fassen kann. Dann fall ich in mein Bett und schlafe ein.

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